Lesetipps

 

Gerald Hüther
Raus aus der Demenzfalle!
Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren
Askana Verlag

Zugegeben, ich war – gerade wegen der Formulierung des Untertitels – zu Beginn der Lektüre sehr skeptisch. Aber das Buch hat mich in seinen Bann gezogen. Ausgehend von der bekannten Nonnenstudie hinterfragt der Autor die Tatsache, wie es eine große Anzahl Nonnen geben konnte, die trotz massiver degenerativen Veränderungen im Gehirn symptomfrei gelebt haben. Die „Reparatur“-Medizin und die Grundlagenforschung haben tatsächlich hierfür bis heute keine Erklärung gefunden.  

Der Autor führt sehr verständlich aus, dass das Gehirn theoretisch bis ins hohe Alter in der Lage ist neue neuronale Verknüpfungen zu schließen. Das Problem liegt meist darin, dass bestimmte Umstände dazu führen, dass die Zersetzung schneller voranschreitet als neue Verknüpfungen geschaltet werden können, da dies ungleich komplizierter ist und länger dauert als die Zerstörung. Und das Gehirn benötigt bestimmte Voraussetzungen, um neue Netze entstehen lassen zu können: genügend Energieversorgung, Neues um lernen zu können und keine anhaltenden störenden Probleme, die Stress verursachen. Denn diese brauchen zur Regulierung des Organismus viel Energie.

Die vom Autor im Untertitel genannten Selbstheilungskräfte beziehen sich auf eine kohärente Lebensweise. Das von Aaron Antonowsky formulierte „Kohärenzgefühl“ ist der positive Schlüssel. Beziehungsweise, negativ formuliert, die meist gelebten vorherrschenden Gefühle der Inkohärenz führen dazu, dass wir das wir uns in unserem Leben unstimmig fühlen .

Zitat: „Viele von uns hier draußen haben vielmehr das Gefühl, immer nur aushalten und durchhalten zu müssen, statt das Leben in all seiner Vielfalt und all seinen Möglichkeiten, die es uns bietet, genießen zu können. Unter solchen Bedingungen kann dann auch im Gehirn kein neues Netzwerk zur Nutzung all dieser Möglichkeiten aufgebaut werden.“

Ein weiterer Fokus liegt auf dem sozialen Miteinander – der Mensch als soziales Wesen, das feinfühlige frühkindliche Bindung und gute Beziehungen braucht um kohärent leben zu können.

Mit einem Blick in die Zukunft verweist der Autor auf die große Zahl von älter werdenden „golden agern“ im „Ruhestand“ die anders in der Welt stehen und darin verbunden sind als die derzeitigen Alten. Die Verstehbarkeit der Welt, ihre Gestaltbarkeit und das Gefühl für Sinnhaftigkeit werden dazu führen, dass die Zahl an Demenzkranken prozentual an der Bevölkerung sinkt. Die Menschheit in unseren Breiten hat nun die Aufgabe, sich diesen Krankheitssymptomen mit einer veränderten Lebenshaltung entgegen zu stellen. Hier ist jeder Einzelne gefragt.

Und von meiner Seite ergänzt: Mit einer veränderten, liebevollen Haltung zu sich selbst und dem Streben nach kohärentem Sein in der Welt verändert sich auch die Haltung den Menschen gegenüber positiv, die die Alzheimer Demenz dennoch ereilt.

In der Summe: ein durchdachtes Buch, das den Menschen Mut macht und Beruhigung verschafft, die an der eigenen Weiterentwicklung arbeiten. Aber dennoch ist, meiner Meinung nach, Grundlagenforschung und die Entwicklung von Medikamenten unabdingbar, denn eine veränderte Haltung der gesamten Gesellschaft ist utopisch ... und "nur" mit seinen Überlegungen wird
man der Komplexität des Themas nicht gerecht. Man sollte sie allerdings seitens der Wissenschaft auch nicht ignorieren.

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Birgit Frohn & Sven Staack
Demenz - Leben mit dem Vergessen
Diagnose, Betreuung, Pflege
Ein Ratgeber für Angehörige und Betroffene
Mankau Verlag

Ein sinnvoller Ratgeber, der handlich und übersichtlich über die Krankheit und die Handlungsmöglichkeiten informiert. Er ist übersichtlich gehalten (z.B. durch blaue Infokästen) und gut lesbar (große Schrift). Er ist für Angehörige aber auch für direkt Betroffene gedacht, die sich am Anfang der Krankheit oder bei einem Verdacht informieren möchten.

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Rainer Stadler
Vater - Mutter - Staat
Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung
Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören
Ludwig Verlag

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Heidi Keller
Kinderalltag
Kulturen der Kindheit und ihre Bedeutung für Bindung, Bildung und Erziehung
Springer Verlag

Es geht in diesem Buch um unterschiedliche Erziehungskulturen, die den Kinderalltag prägen und die Bindung, Bildung und Erziehung bestimmen.
Am Beispiel von zwei sozio-kulturellen Kreisen zeigt die Autorin die unterschiedlichen kulturellen Nährböden für die Erziehung aus einer bestimmten Gesellschaft heraus bzw.in eine bestimmte Gesellschaft hinein. Betrachtet werden die westliche Mittelschichtfamilie und die Familienverbände der Nso-Familien in Kamerun und ihre Erziehungsstrategien.